Resonanzradar #20: Zwei Arten, Nachrichten zu hören: Was Radio und Podcast voneinander lernen
Warum hören Menschen Nachrichten im Radio, obwohl es Podcasts gibt? Eine gemeinsame Beobachtung des Regionalausschusses des Publikumsrats und der Programmkommissionen zeigt, dass beide Formate unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen und gerade deshalb voneinander profitieren können.
Über den Resonanzradar
Über den Resonanzradar
Der «Resonanzradar» ist der Blog des Publikumsrats der SRG Deutschschweiz. In regelmässigen Abständen informiert es so zu Neuigkeiten und Erkenntnissen aus dem Resonanzraum.
Was passiert, wenn zwei Formen des Hörens aufeinandertreffen, die sich zwar ähnlich anfühlen, aber völlig unterschiedlich funktionieren? Wenn das lineare Radio mit seinem Überblick auf die monothematische Tiefe eines Podcasts trifft? Genau dieser Gegensatz stand im Zentrum eines gemeinsamen Projekts der Programmkommissionen und Programmbeobachtungen der Mitgliedsgesellschaften der SRG.D. Im Rahmen des Dialogfensters «Audiokultur im Wandel» wollten sie herausfinden, wie sich unsere Audiokultur verändert, wenn Aktualität nicht mehr nur gesendet, sondern auch gezielt ausgewählt wird.
Die Beobachtenden hörten dafür mehrere Folgen des Podcasts «News Plus» und verglichen sie mit einer Radio-Newssendung ihrer Wahl. Ihre Eindrücke hielten sie in einem Fragebogen fest und diskutierten sie anschliessend an den Sitzungen der Regionalgesellschaften – jeweils im Beisein von Programmschaffenden von «News Plus», was den Austausch zusätzlich vertiefte.
Der Auftrag war bewusst offen formuliert: kein Urteil über einzelne Sendungen, sondern ein Formatvergleich. Was unterscheidet Radio und Podcast, was verbindet sie, und wo können beide voneinander lernen? Die Rückmeldungen fielen bemerkenswert konsistent aus. Beim Radio wird der Überblick geschätzt – aktuell, strukturiert, breit, verlässlich und problemlos in den Alltag integrierbar. «News Plus» dagegen wird bewusst ausgewählt, bietet erzählerische Machart, persönliche Sprache und mehr Raum für Fachpersonen. Die Monothematik des Podcasts wurde gleichzeitig als Stärke und Risiko wahrgenommen: Sie ermöglicht Vertiefung, führt aber auch dazu, dass man eine Folge gar nicht erst startet, wenn das Thema nicht interessiert.
Auffällig war die Unsicherheit im SRF-Podcastangebot: Die Abgrenzung zwischen «News Plus», «4x4», «Tagesgespräch» und anderen Formaten ist für viele nicht klar: Was ist das Zielpublikum? Wie unterscheidet sich die redaktionelle Organisation? Welche Rollen nimmt «News Plus» im Gesamtangebot von SRF ein?
Trotz inhaltlicher Überschneidungen – besonders zwischen «News Plus» und dem «Echo der Zeit» – blieb der Mehrwert des Podcasts für fast alle Beobachtenden bestehen. «News Plus» wählt andere Einstiege, beleuchtet Seitenaspekte, die im Radio keinen Platz finden, und erreicht Menschen, die klassische Radioformate kaum nutzen. Die beiden Angebote wurden nicht als Konkurrenz wahrgenommen, sondern als zwei unterschiedliche Zugänge zur gleichen Wirklichkeit.
Die Ergebnisse wurden inzwischen an SRF übergeben und fliessen in Gespräche mit den Redaktionen ein. Besonders relevant sind die Hinweise auf stärkere Querverweise zwischen Radio und Podcast, klarere Formatkommunikation, vielfältigere Perspektiven in Podcast-Folgen und mehr Regionalbezug. Für die Programmkommissionen war die Beobachtung ein wertvoller Blick darauf, wie sich Audiokultur verändert – und wie SRF diese Veränderung aktiv gestalten kann.
Am Ende bleibt ein Befund, der sich durch die Rückmeldungen zieht: Radio für den Überblick, «News Plus» für die Vertiefung. Die Beobachtung zeigt, dass Audiokultur im Wandel nicht bedeutet, dass sich Formate angleichen müssen – sondern dass sie sich gegenseitig ergänzen, wenn ihre Eigenständigkeit klar bleibt.
Zur Person
Zur Person
Tobias Arnold ist Politikwissenschaftler, Leiter der Programmbeobachtung der SRG Zentralschweiz sowie Mitglied des Regionalausschusses des Publikumsrats SRG Deutschschweiz.
Die Rolle von Regionalausschuss und Programmkommissionen
Der Regionalausschuss des Publikumsrats und die Programmkommissionen der Mitgliedgesellschaften begleiten die publizistische Arbeit von SRF aus Sicht des Publikums. Mit Beobachtungen, Auswertungen und Gesprächen mit Programmschaffenden bringen sie Rückmeldungen aus der Bevölkerung in den Dialog über Qualität und Weiterentwicklung des Angebots ein. Die Beobachtung «Audiokultur im Wandel» wurde gemeinsam von fünf Mitgliedsgesellschaften der SRG.D durchgeführt.