RTS-Inlandkorrespondent Julien Guillaume: «Wer die Deutschschweiz versteht, versteht die Schweiz besser»

Wie tickt die Deutschschweiz – und was bedeutet das für die Berichterstattung? Julien Guillaume erlebt seit fünf Jahren als RTS-Inlandkorrespondent in der Deutschschweiz, wie unterschiedlich Medienlogik, Debattenkultur und politische Prioritäten zwischen Ost und West sind. Im Gespräch erzählt er, warum die Deutschschweiz pragmatischer berichtet, härter diskutiert und früher wirtschaftliche Trends setzt – und wie diese Unterschiede seine journalistische Arbeit prägen.

Über die Reihe «Schweizer Blickwinkel: Korrespondent:innen zwischen den Regionen»

Wie wirkt die Deutschschweiz auf Journalist:innen aus der Romandie oder dem Tessin, die hier als Korrespondent:innen arbeiten? Und wie verändert sich der Blick auf die Westschweiz und das Tessin, wenn Deutschschweizer Journalist:innen von dort aus berichten? In unserer neuen Serie sprechen wir mit Korrespondent:innen von SRF, RSI und RTS über politische Tonlagen, mediale Reflexe, regionale Empfindlichkeiten und hartnäckige Missverständnisse zwischen den Sprachregionen.

Was hat Sie an der Deutschschweiz am meisten überrascht, als Sie vor fünf Jahren begonnen haben, von hier aus als Korrespondent zu berichten?

Julien Guillaume: Mich hat überrascht, wie wenig ich die Deutschschweiz zuvor tatsächlich gekannt habe, obwohl ich in Fribourg aufgewachsen bin. Die Vielfalt dieser Sprachregion wird deutlich, wenn man von Aarau nach Graubünden fährt. Besonders fasziniert hat mich die Ostschweiz: Das Rheintal etwa ist ein sehr starker Wirtschaftsraum, der in der Romandie viel zu wenig Beachtung findet. Erst seit ich in der Deutschschweiz lebe, habe ich das Gefühl, die Schweiz als Ganzes wirklich zu verstehen.

Welche Themen beschäftigen die Menschen in der Deutschschweiz besonders stark, und worin unterscheiden sie sich von denen in der Romandie?

Ein auffälliger Unterschied zeigt sich bei wirtschaftlichen Themen. Viele Entwicklungen entstehen hier und werden in der Romandie erst später aufgegriffen. Das gilt beispielsweise für Debatten rund um die Rüstungsindustrie oder generell für wirtschaftspolitische Fragestellungen. Wer hier aufmerksam beobachtet, erkennt oft früh, welche Themen bald die ganze Schweiz beschäftigen werden.

Welche politischen oder gesellschaftlichen Themen werden in der Deutschschweiz anders diskutiert als in der Romandie?

Ein gutes Beispiel ist für mich das Thema Gesundheit und Krankenkassen. In der Romandie ist die Schulmedizin stärker ausgeprägt: Man sucht schneller einen Arzt auf und fordert eher zusätzliche Untersuchungen oder Medikamente. In der Deutschschweiz hingegen legt man mehr Wert auf Eigenverantwortung. Diese unterschiedlichen Haltungen spiegeln sich auch politisch wider: Während in der Romandie die Erwartungen an den Staat höher sind, setzt man in der Deutschschweiz stärker auf das Individuum.

Wie unterscheidet sich der öffentliche Ton in der Deutschschweiz von dem in der Romandie?

Viele Debatten werden hier unter dem Aspekt von Kosten, Verantwortung und konkreten Lösungen geführt. In der Romandie ist der Zugang oft sozialer und stärker von der Frage geprägt, welche Bedeutung ein Thema für Menschen hat. Mein Eindruck ist, dass die Deutschschweiz pragmatischer, individualistischer und weniger emotional argumentiert, während in der Romandie eher über Zugehörigkeit, Betroffenheit und gesellschaftliche Folgen gesprochen wird. Das zeigte sich unter anderem bei der SRG-Initiative: In der Deutschschweiz drehte sich die Diskussion vor allem um Sparpotenziale, Kosten und Effizienz, während in der Romandie betont wurde, dass RTS auch Teil der kulturellen Identität und sprachlichen Sichtbarkeit ist.

Beobachten Sie Unterschiede in der Medienberichterstattung zwischen der Deutschschweiz und der Romandie?

Ja, sehr deutlich. Die Deutschschweiz verfügt über mehr Medientitel, mehr Konkurrenz und somit einen härteren publizistischen Wettbewerb. Das zeigt sich im Ton, in der Zuspitzung und darin, wie hitzig Debatten geführt werden. Besonders Boulevardmedien treten hier sehr offensiv auf, mit zugespitzten Schlagzeilen und klaren Positionierungen. In der Romandie ist die Berichterstattung oft sanfter und weniger konfrontativ. Ein weiterer Unterschied betrifft die Machart: In der Westschweiz werden Themen öfter über Menschen, Stimmen und individuelle Schicksale erzählt. In der Deutschschweiz liegt der Schwerpunkt stärker auf Fakten, Abläufen und Einordnung.

Welchen Klischees über die Deutschschweiz begegnen Sie immer wieder, und was davon stimmt tatsächlich?

Als Korrespondent bemühe ich mich, Klischees zu vermeiden. Dennoch gibt es einige, die einen wahren Kern haben. So würde ich sagen, dass die Deutschschweiz konservativer ist als die Romandie. Ein Beispiel ist das Essen: Aus Sicht der Westschweiz wirkt die Deutschschweiz kulinarisch oft etwas fantasielos und funktional. Das mag oberflächlich klingen, sagt jedoch einiges über die hiesige Kultur aus.

Was versteht die Romandie oft zu wenig über die Deutschschweiz?

Ich glaube, viele in der Romandie haben ein vereinfachtes Bild der Deutschschweiz. Man nimmt sie als dominanten Teil des Landes wahr, setzt sich aber gleichzeitig erstaunlich wenig mit ihr auseinander. Dadurch entstehen leicht Missverständnisse. Ein Beispiel ist die Annahme, die Deutschschweiz sei distanziert oder wenig an der Westschweiz interessiert. Meine Erfahrung ist eher das Gegenteil. Vor Ort merkt man, wie offen viele Menschen sind und wie bereitwillig sie ihre Perspektive erläutern. Dieses Ungleichgewicht im gegenseitigen Verständnis ist für mich eine der spannendsten Erkenntnisse meiner Zeit hier.

Die SRG geht mit einem neuen interregionalen Radioprojekt auf Schweizreise

Mit «Die Anderen. Les Autres. Gli Altri. Ils Auters – Le tour de Suisse» lanciert die SRG eine thematische Radio-Reise durch die Schweiz. An vier Sondertagen werden alle SRG-Sprachregionen gemeinsam das Jahresthema «Übergänge» aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Dabei nimmt jede Sprachregion einmal die Rolle der Gastgeberin ein.

Mehr zum interregionalen Radioprojekt

Text: Nicole Krättli

Bild: iStockphoto iStock/SRF/Gian Vaitl

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