«Sichtbare Vielfalt»: Wie klingt Kompetenz?

Wer wird gehört, wem wird geglaubt? Die Kolumne «Sichtbare Vielfalt» fragt, wie Medien Teilhabe ermöglichen oder begrenzen. Diesmal im Fokus: Namen, Akzente und Stimmen – und die oft unbewussten Vorurteile, die unsere Wahrnehmung prägen.

Zur Kolumne «Sichtbare Vielfalt»

Die Kolumne beleuchtet, wie Medien gesellschaftliche Vielfalt spiegeln – oder unsichtbar machen. Sie fragt, welche Verantwortung ein öffentlich finanzierter medialer Service public trägt, wenn es um Sichtbarkeit, Sprache, Zugehörigkeit und demokratische Debattenkultur geht.

Unsere Kolumnistin 2026, Sarah Jost, arbeitet in der Kommunikation für die Sozialen Einrichtungen und Betriebe im Sozialdepartement der Stadt Zürich und ist freigewähltes Mitglied des Regionalvorstands SRG Deutschschweiz. Die Kolumne ist von der Handschrift der Autorin geprägt und widerspiegelt somit ihre persönliche Meinung.

Was würde sich ändern, wenn Sie diese Kolumne lesen würden, ohne zu wissen, wie ich aussehe? Wenn Sie nur meinen Namen lesen würden. Oder nur meine Stimme hören. Würden Sie meine Aussagen gleich gewichten? Würden Sie mir dieselbe Kompetenz zuschreiben? Dieselbe Glaubwürdigkeit? Ich glaube nicht immer. Oft unbewusst doch messbar.

Studien zeigen seit Jahren, dass Menschen aufgrund ihres Namens, ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihrer Sprache unterschiedlich bewertet werden – selbst bei identischer Leistung. In der Schweiz erhalten Kinder mit Migrationsgeschichte schlechtere Noten, Bewerbende mit «fremd» klingenden Namen seltener Einladungen. Und sobald ein Akzent hörbar wird, beginnen Zuschreibungen, die mit der tatsächlichen Kompetenz wenig zu tun haben. Die Forschung nennt das «Accent Bias» oder «Linguistic Profiling»: Wir ziehen aus Stimmen, Dialekten oder Sprechbeeinträchtigungen Rückschlüsse auf Intelligenz, Bildung oder Zugehörigkeit. Nicht unbedingt bewusst, sondern weil Vorurteile tief sitzen.

Dabei vergessen wir oft etwas Entscheidendes: Viele Menschen mit Akzent sprechen mehrere Sprachen, bewegen sich selbstverständlich zwischen Sprachräumen. Eigentlich eine Stärke. Doch welche Mehrsprachigkeit als Bereicherung gilt, ist unterschiedlich. Englisch gilt schnell als Bildungskapital, ein französischer Akzent als charmant. Ein kosovarisch, arabisch oder afrikanisch verstandener Akzent hingegen wird häufiger mit Defiziten verbunden. Nicht die Mehrsprachigkeit wird bewertet, sondern die Zuschreibung dahinter.

Ich kenne dieses Spannungsfeld gut. Mein Vorname klingt schweizerisch. Mein Nachname auch. Nur mein Zweitname – Abena – verrät meine ghanaischen Wurzeln väterlicherseits. Solange mich niemand sieht, bewege ich mich in einem Raum von Privilegien. Ich kann wählen, ob meine Migrationsgeschichte sichtbar wird. Nicht alle können das. Ich erinnere mich an ein Bewerbungsgespräch. Das Gespräch verlief gut. Beim Abschied sagte der Interviewer zu mir: «Kompliment, Sie sprechen aber gut Deutsch.»

Was als Lob gemeint war, blieb hängen. Denn was bedeutet dieser Satz eigentlich? Welche Erwartungen standen vorher im Raum? Und was passiert mit Menschen, die einen Akzent haben? Mit Personen, die stottern oder lispeln? Mit Moderierenden und Fachpersonen, deren Name nicht «typisch schweizerisch» klingt? Wenn Audioformate wie Podcasts boomen und Stimmen wichtiger werden, stellt sich diese Frage neu: Welche Stimmen empfinden wir als kompetent, seriös oder vertrauenswürdig – und warum? Müsste Vielfalt nicht auch hörbar sein?

Service public bedeutet nicht nur, unterschiedliche Menschen abzubilden. Sondern auch, unterschiedliche Stimmen auszuhalten: Dialekte. Akzente. Andere Sprachmelodien. Vielleicht sogar Irritation. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Menschen «gut genug» sprechen. Sondern: Wie eng ist eigentlich unsere Vorstellung davon, wie Kompetenz klingen darf?

Text: Sarah Jost

Bild: zVg/Gian Vaitl

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