Zwischen regionaler Verankerung und Digitalisierung: Roger Elsener über die Zukunft von SRF
SRF-Direktor Roger Elsener möchte SRF digital weiterentwickeln, ohne die regionale Verankerung zu schwächen. Im Interview mit LINK erklärt er, welche Rolle die Trägerschaft dabei spielt, wo ihre Mitsprache endet und weshalb Sport und Unterhaltung für ihn zum Service public gehören.
Sie sind seit Mai Direktor von SRF. Was hat Sie bisher am meisten überrascht?
Roger Elsener: Vieles hat mich nicht überrascht, sondern meine positiven Erwartungen bestätigt. Ich habe eine intakte Unternehmenskultur vorgefunden, in der die Menschen gut zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen – trotz der Sparmassnahmen, die in den kommenden Jahren anstehen. Zudem bin ich früh mit der Trägerschaft ins Gespräch gekommen und dort sehr offen aufgenommen worden.
Sie haben SRF zuvor aus der Privatwirtschaft erlebt und teilweise hart mit der SRG verhandelt. Sehen Sie das Unternehmen heute anders?
Nicht grundsätzlich. Ich habe jedoch zusätzliches Verständnis für die Positionen entwickelt, die die SRG und SRF in einzelnen Fragen vertreten. Wenn man zusammenarbeitet und zugleich in Konkurrenz steht, entstehen unterschiedliche Interessen und mitunter harte Verhandlungen. Trotzdem haben wir stets ein gutes Verhältnis gepflegt.
Kritikerinnen und Kritiker reduzierten Sie nach Ihrer Wahl auf die Unterhaltung und fragten, ob Sie auch Service public können. Wie haben Sie diese Kritik aufgenommen?
Meine berufliche Laufbahn umfasst sehr unterschiedliche Stationen: Unterhaltung ist ein Teil davon, Information ein anderer. Während mehr als zehn Jahren habe ich private konzessionierte regionale Radio- und Fernsehsender verantwortet. Dort habe ich erfahren, wie anspruchsvoll und zugleich zentral regionaler Service public für die Schweiz ist.
In der Konzessionsdebatte wird diskutiert, ob Unterhaltung und Sport zum Auftrag der SRG gehören. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Kurz und klar: Ja. Das ist in der Verfassung, im Bundesgesetz über Radio und Fernsehen sowie in der Konzession festgehalten. Der Service public muss ein Vollprogramm anbieten. Über Unterhaltungsformate erreichen wir Menschen, die anschliessend auf derselben Plattform Informationsangebote entdecken. Zudem lassen sich die Grenzen zwischen Unterhaltung, Information und Kultur nicht eindeutig ziehen. Wichtig ist ein gutes Mit- und Nebeneinander mit den privaten Anbietern. Wir wollen auf sie Rücksicht nehmen und ihnen ausreichend Spielraum lassen. Das Angebot politisch künstlich zu beschränken, wäre jedoch kein guter Dienst an der Schweizer Bevölkerung.
Ihre Leitfrage lautet «Wie holen wir das Publikum zu uns?». Was bedeutet das konkret?
Wir müssen das Publikum dort erreichen, wo es Medien nutzt. Deshalb genügt es längst nicht mehr, ausschliesslich auf lineares Radio und Fernsehen zu setzen. Streamingangebote, Apps und soziale Medien sind ebenso wichtig. Gleichzeitig bleiben die linearen Programme ein zentraler Bestandteil unseres Angebots. Die Herausforderung besteht darin, diese Kanäle nicht getrennt zu betrachten, sondern SRF über sämtliche Plattformen hinweg gemeinsam weiterzuentwickeln. Das gilt insbesondere dort, wo wir jüngere Zielgruppen bisher noch nicht ausreichend erreichen. Darauf Antworten zu finden, ist eine der zentralen Aufgaben für die nächste Zeit und dafür lancieren wir im kommenden Jahr auch unseren Streamingdienst Play+.
Welche besondere Funktion hat die Trägerschaft?
Die Trägerschaft ist ein wichtiger Teil der Legitimation des Service public. Jedes Vereinsmitglied wirkt ein Stück weit mit. Für mich persönlich ist der direkte Dialog sehr wertvoll: Die bisherigen Gespräche an Versammlungen, bei Mittagessen oder Apéros waren offen, konstruktiv und kritisch. Als Direktor ist es nicht immer einfach, den persönlichen Kontakt zum Publikum nicht zu vernachlässigen. Die Trägerschaft hilft dabei, den Austausch mit der Bevölkerung noch häufiger zu pflegen.
Wie weit reicht die Mitsprache der Mitglieder?
Kritische Rückmeldungen sind sehr wichtig. Ich ermutige auch mein Leitungsteam, den Austausch mit der Trägerschaft aktiv zu suchen. Solche Rückmeldungen fliessen in die Feedbacksitzungen der Redaktionen ein. Die publizistische Verantwortung liegt jedoch bei den Programmverantwortlichen. Ein einzelnes Mitglied kann nicht mit einem Anruf ein neues Format auslösen oder die Absetzung eines bestehenden Angebots verhindern. Entscheidend ist, dass wir für diese Stimmen offenbleiben. Unser Kernauftrag besteht nicht darin, ein Programm zu gestalten, das wir selbst gut finden, sondern eines für die Menschen in der Deutschschweiz.
Was wünschen Sie sich zusätzlich von der Trägerschaft?
Unterstützung beim Zugang zum jungen Publikum und im Verständnis deren medialen Bedürfnisse. Um ein Beispiel zu geben: Wir sehen anhand der Daten zwar, dass der Konsum kurzer Videos und Reels zunimmt. Gleichzeitig verstehen wir noch zu wenig, welche Themen diese Generation bewegt und warum sie einen Inhalt anschauen und den nächsten wegwischen. Hier kann uns die Trägerschaft helfen, diese Generation noch besser kennenzulernen und ihre Bedürfnisse zu verstehen.
Gleichzeitig wird gespart und zentralisiert. Woran sollen Menschen im Urnerland oder im Bündnerland merken, dass SRF auch ihr Sender ist?
Die regionale Nähe zur Bevölkerung ist für SRF entscheidend, es braucht den kontinuierlichen Austausch mit Politik, Behörden sowie Bürgerinnen und Bürgern. Die dezentrale Organisation und die Trägerschaft sind deshalb von grosser Bedeutung. Wenn das Publikum in den Regionen den Eindruck gewinnt, dass die Präsenz von SRF abnimmt, haben wir den Auftrag des Transformationsprojekts «Enavant SRG SSR» nicht ausreichend erfüllt. Wir versuchen dort zu sparen, wo es um Strukturen und Prozesse geht sowie in den Supportbereichen – und möglichst wenig im Programmangebot.
Trimediales Arbeiten gilt ebenfalls als Möglichkeit, Ressourcen effizienter einzusetzen. Geht diese Entwicklung zulasten der Qualität?
Im Gegenteil. Wenn eine Geschichte für Audio konzipiert wird und gleichzeitig visuell begleitet werden kann, lässt sie sich über mehrere Kanäle verbreiten und erzielt eine grössere Wirkung. Das kann auch für die Mitarbeitenden eine Bereicherung sein. Allerdings kann man niemanden unvorbereitet mit neuen Aufgaben konfrontieren. Audio und Video werden unterschiedlich produziert. Die entsprechenden Fähigkeiten müssen deshalb gezielt vermittelt und durch Aus- und Weiterbildung gefördert werden. Daran arbeiten wir.
Weggefährten beschreiben Sie als durchsetzungsstark und umgänglich, teilweise aber auch als schwer lesbar. Was sollten die Mitglieder über den Menschen Roger Elsener wissen?
Am besten kommen sie auf mich zu, sprechen mich an und lernen mich persönlich kennen. Das ist aussagekräftiger, als über Dritte etwas zu hören. Was ich mir habe sagen lassen: Offenbar laufe ich manchmal etwas gedankenversunken durch Gänge. In solchen Momenten bereite ich im Kopf zum Beispiel den nächsten Termin vor. Das ist nie als Distanziertheit zu verstehen, sondern meine Art, mich zu fokussieren. Ansprechen ist jederzeit gewünscht.
Woran sollen die Mitglieder in zwei Jahren erkennen, was sich unter Ihrer Leitung verändert hat?
Mir ist nicht wichtig, dass eine Entwicklung mit meiner Person verbunden wird. Entscheidend ist, dass die Menschen in der Deutschschweiz unser Programm wahrnehmen, dass wir noch digitaler geworden sind und noch mehr Junge erreichen. Zudem soll SRF noch stärker erlebbar sein und der direkte Dialog mit dem Publikum einen noch höheren Stellenwert haben als heute.