Resonanzbarometer: Wie die Deutschschweiz Vielfalt und Zugehörigkeit erlebt
Was bedeutet Heimat? Wo erleben Menschen gesellschaftlichen Zusammenhalt? Und fühlen sie sich bei SRF angemessen repräsentiert? Mit diesen Fragen hat sich der Publikumsrat SRG Deutschschweiz im Rahmen seines Dialogfensters «Gemeinsam verschieden, gemeinsam Schweiz» beschäftigt. An der nicht repräsentativen Befragung beteiligten sich über 500 Personen.
Die Ergebnisse der Umfrage zeigen ein vielschichtiges Bild: Die meisten Befragten fühlen sich in der Schweiz stark zu Hause, gleichzeitig werden die Darstellung gesellschaftlicher Vielfalt in den Medien und die Repräsentation unterschiedlicher Lebensrealitäten kritischer beurteilt.
Zur Befragung
Der Publikumsrat der SRG Deutschschweiz führte im Rahmen seines Dialogfensters «Gemeinsam verschieden, gemeinsam Schweiz» eine Onlinebefragung durch. Die Umfrage richtete sich an Personen aus dem Resonanzraum des Publikumsrats sowie an weitere interessierte Menschen aus dessen Netzwerken. Die Befragung wurde zwischen dem 18. Juni und dem 25. Juli 2026 durchgeführt. Sie ist nicht repräsentativ und erlaubt deshalb keine Rückschlüsse auf die Schweizer Bevölkerung oder das gesamte Publikum von SRF. Die Ergebnisse zeigen die Perspektiven und Erfahrungen der Teilnehmenden und liefern Denkanstösse für die Diskussion über gesellschaftlichen Zusammenhalt, Zugehörigkeit, Vielfalt und mediale Repräsentation.
Zu den Grafiken
- Anzahl Teilnehmende an der Gesamtbefragung: 504 Personen.
- Nicht alle Teilnehmenden beantworteten jede Frage. Deshalb wird bei den einzelnen Grafiken jeweils die Anzahl der Antwortenden ausgewiesen.
- Bei Fragen mit Mehrfachauswahl kann die Summe der Antworten höher sein als die Anzahl der Teilnehmenden, da mehrere Antwortmöglichkeiten gleichzeitig gewählt werden konnten.
Heimat entsteht durch Zugehörigkeit und gelebte Beziehungen
Die Verbundenheit mit der Schweiz ist unter den Befragten hoch. Auf einer Skala von 1 bis 5 erreicht die Aussage «Ich fühle mich in der Schweiz zu Hause» einen Durchschnittswert von 4,3.
Gleichzeitig beschreibt die Mehrheit der Teilnehmenden die Schweiz als schön, sicher und stabil. Besonders häufig werden Heimat als Gefühl, aber auch Natur und Landschaft, Sicherheit sowie gesellschaftliche Verlässlichkeit genannt. Auch Demokratie, Freiheit und Vielfalt prägen das Bild der Schweiz.
Auf die Frage, was Heimat persönlich bedeutet, nannten viele Befragte konkrete Orte, Regionen oder die Schweiz selbst. Ebenso häufig wurden Geborgenheit, Sicherheit und Vertrautheit erwähnt. Auch Familie, Freundschaften, Herkunft, Sprache und gemeinsame Werte spielen eine wichtige Rolle. Die offenen Antworten zeigen, dass Heimat weit mehr umfasst als Nationalität oder Staatsangehörigkeit. So beschreiben Teilnehmende Heimat etwa als «ein Gefühl» oder als einen Ort «da, wo man die gesellschaftlichen Codes versteht».
Besonders aufschlussreich ist, wo dieses Zugehörigkeitsgefühl im Alltag erlebt wird: Starken gesellschaftlichen Zusammenhalt erfahren die Befragten vor allem im Freundeskreis, in der Familie, in der Nachbarschaft und in Vereinen. Überall dort also, wo Menschen einander direkt begegnen. Medien und soziale Medien spielen dabei eine deutlich geringere Rolle.
Die Ergebnisse machen deutlich, dass Heimat weniger an einen bestimmten Ort gebunden ist als an Beziehungen und gemeinsame Erfahrungen. Vielmehr entsteht sie aus Erinnerungen, Zugehörigkeit und gelebtem Alltag. «Heimat ist weniger ein Ort als eine Handvoll Menschen, die einen kennen», fassen Eveline Hipeli und Philipp Landmark, Mitglieder des Leitungsteams Publikumsrat SRG.D, zusammen. Das Grundgefühl ist klar: Die meisten Befragten fühlen sich in der Schweiz stark zu Hause.
Vielfalt wird mehrheitlich als Bereicherung wahrgenommen
Die Schweiz wird von vielen Befragten als vielfältige Gesellschaft erlebt. Die entsprechende Aussage erreicht einen Durchschnittswert von 3,8 auf einer Fünfer-Skala. Besonders häufig werden kultureller Austausch, neue Perspektiven und gegenseitiges Lernen als Bereicherung genannt.
Gleichzeitig verweisen die Antworten auf Herausforderungen wie Integration, gemeinsame Werte, Sprache und gegenseitigen Respekt. Die Ergebnisse lassen die Interpretation zu, dass die eigentliche Streitfrage lautet weniger «Vielfalt ja oder nein», sondern: Unter welchen Bedingungen funktioniert Vielfalt?
Mediale Darstellung von Vielfalt und Migration werden kritischer beurteilt
Während die gesellschaftliche Vielfalt von vielen Befragten klar wahrgenommen wird, fällt die Beurteilung ihrer Darstellung in den Medien deutlich zurück. Die Aussage «Die Medien stellen die Bevölkerung in ihrer Vielfalt ausgewogen dar» erreicht einen Durchschnittswert von 3,0 auf einer Skala von 1 bis 5.
Damit liegt die Zustimmung deutlich unter den Werten zum persönlichen Zugehörigkeitsgefühl zur Schweiz oder zur Wahrnehmung der Schweiz als vielfältige Gesellschaft. Aus Sicht vieler Befragter besteht somit eine Lücke zwischen der gelebten gesellschaftlichen Realität und deren medialer Abbildung.
«Genau zwischen gesellschaftlicher Realität und medialer Abbildung öffnet sich eine interessante Lücke: Man erlebt Vielfalt, ist aber deutlich zurückhaltender bei der Frage, ob Medien sie ausgewogen darstellen», sagen Eveline Hipeli und Philipp Landmark.
Auch bei der Frage nach SRF-Angeboten zeigt sich ein differenziertes Bild: Am stärksten repräsentiert fühlen sich die Teilnehmenden in Nachrichtensendungen, Reportagen und Dokumentationen sowie in der regionalen Berichterstattung. Gleichzeitig gibt fast jede vierte antwortende Person an, sich in keinem der genannten Formate repräsentiert zu fühlen.
Die offenen Antworten machen deutlich, dass die Kritik an der Berichterstattung in unterschiedliche Richtungen geht. Während einige Befragte den Medien eine wichtigere Rolle bei der Förderung von Begegnung und gegenseitigem Verständnis zuschreiben, kritisieren andere eine aus ihrer Sicht zu zurückhaltende Thematisierung problematischer Aspekte von Migration. So hält eine Person fest: «Mangelnde Begegnung ist das grösste Hindernis für ein vielfältigeres Miteinander. Wenn hier SRF einen Beitrag leisten könnte, wäre das enorm hilfreich.» Andere Teilnehmende formulieren ihre Kritik deutlich direkter: «Die Angst, die Dinge beim Namen zu nennen, schadet SRF und ist schlecht für den sozialen Zusammenhalt» oder «Migration wird von SRF immer als etwas Positives dargestellt. Die viel zu hohe Migration führt zu vielen gesellschaftlichen Problemen, welche viel zu wenig thematisiert werden.»
Unterschiedliche Erwartungen an die Berichterstattung
Die Antworten zeigen, dass die Erwartungen an die mediale Darstellung von Vielfalt und Migration teilweise weit auseinanderliegen. Gerade darin spiegelt sich die Herausforderung, gesellschaftliche Realitäten aus unterschiedlichen Perspektiven abzubilden und dabei möglichst viele Menschen anzusprechen.
Ein weiteres Ergebnis betrifft die Wahrnehmung von Migration in den Medien. Während ein Teil der Befragten eine stärkere Thematisierung von Problemen, Kriminalität oder den Folgen von Migration wünscht, wünschen sich andere mehr Berichte über gelungene Integration, positive Beispiele und persönliche Lebensgeschichten. Bemerkenswert ist, dass beide Perspektiven ihren Wunsch nach mehr Ausgewogenheit mit ähnlichen Argumenten begründen.
Die offenen Antworten zeigen, dass viele Teilnehmende mehr Ausgewogenheit in der Berichterstattung fordern, darunter jedoch Unterschiedliches verstehen. Einige wünschen sich eine kritischere Darstellung der Auswirkungen von Migration
So schreibt ein Teilnehmer: «Begleitet doch mal ein paar Tage Polizisten, und zeigt ohne schön zu malen auf, was hier draussen wirklich passiert.» Andere plädieren für eine stärkere Sichtbarkeit positiver Erfahrungen und Leistungen von Menschen mit Migrationsgeschichte: «Nicht nur auf wenige Kriminelle fokussieren: Aus meiner Sicht müsste man viel mehr aufzeigen, was vor allem ausländische Menschen in unserem Land leisten.»
Die Antworten machen deutlich, dass die Erwartungen an eine ausgewogene Berichterstattung teils weit auseinandergehen. Darin zeigt sich die Herausforderung für Medien, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und zugleich ein differenziertes Bild gesellschaftlicher Realitäten zu vermitteln.
Die Diskussion geht weiter
Die Befragung ist Teil des Dialogfensters «Gemeinsam verschieden, gemeinsam Schweiz» des Publikumsrats SRG Deutschschweiz. Die vorliegenden Ergebnisse bilden einen ersten Zwischenstand. Jahresbericht wird die Resultate vertiefen, einordnen und mit weiteren Erkenntnissen aus den Diskussionen und Begegnungen des Dialogfensters verknüpfen.
Die Fragen rund um Zugehörigkeit, Heimat, Vielfalt, Zusammenhalt und Repräsentation beschäftigen viele Menschen und werden auch den Publikumsrat weiterhin begleiten. Gelegenheit zur Vertiefung bietet der Jahresanlass des Publikumsrats am 25. November 2026. Gemeinsam mit Vertreter:innen des Publikumsrats, von SRF und interessierten Gästen soll dort über die Ergebnisse und Empfehlungen, ihre Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Rolle der Medien weiterdiskutiert werden. Die Ergebnisse der Befragung und die daraus abgeleiteten Empfehlungen werden zudem mit SRF geteilt und in den Dialog mit den Verantwortlichen eingebracht. Der Publikumsrat versteht sich dabei als beratendes Gremium: Er kann Impulse geben und Diskussionen anstossen, greift jedoch nicht in die redaktionelle Arbeit ein. Die publizistische und redaktionelle Unabhängigkeit von SRF bleibt jederzeit gewahrt.