Vielfalt ohne Schubladen: Vier Menschen, vier Biografien

Vier Menschen, vier Biografien und unterschiedliche Vorstellungen von Heimat und Zugehörigkeit. Sie erzählen, welche Rolle ihre Herkunft in ihrem Leben spielt, wann sie von anderen zu stark betont wird und wie Medien die Vielfalt der Schweiz abbilden können, ohne Menschen darauf zu reduzieren.

Isa Tastop: Herkunft sollte weder Vor- noch Nachteil sein

Isa Tastop kennt Integration aus zwei Perspektiven: aus der eigenen Biografie und aus seinem Beruf. Seine Wurzeln liegen in der Türkei, heute ist er eingebürgerter Schweizer und arbeitet als Migrationsfachmann. Dabei begleitet er Menschen, die eine Sprache lernen, eine Ausbildung beginnen, Arbeit suchen und sich Schritt für Schritt ein selbstbestimmtes Leben aufbauen.

Gerade diese unspektakulären Entwicklungen kommen ihm in den Medien zu kurz. Migration werde oft im Zusammenhang mit Krisen und Problemen erzählt. Tastop wünscht sich dagegen mehr von den «leisen, langfristigen Erfolgsgeschichten» und von Menschen mit Migrationsgeschichte, die nicht nur als Betroffene vorkommen, sondern als Fachpersonen, Berufsleute oder engagierte Bürgerinnen und Bürger. Das betrifft auch ihn selbst. Seine eigene Migrationserfahrung helfe ihm im Beruf, Vertrauen aufzubauen. Gleichzeitig erlebt er Situationen, in denen er «zuerst als Mensch mit Migrationsgeschichte wahrgenommen wird und erst danach als Fachperson». Für ihn wäre gelungene Integration erreicht, wenn Herkunft weder Vor- noch Nachteil ist.

Heimat ist für Tastop deshalb weniger eine Frage des Geburtsortes als der Zugehörigkeit. Die Türkei steht für Kindheit, Sprache und Erinnerungen, die Schweiz für sein heutiges Leben. Mit der Einbürgerung sei dieses Gefühl auch offiziell bestätigt worden. Heimat, sagt er, wachse dort, wo Menschen Vertrauen erfahren, Verantwortung übernehmen und ihre Fähigkeiten einbringen können.

Duff: Mehr als meine Herkunft

Künstlerin Duffeyz – kurz «Duff» – ist in der Schweiz geboren und mit albanischen Wurzeln aufgewachsen. Ihre Herkunft bedeutet für sie beides: Zugehörigkeit und Reibung. Sie liebt Musik, Essen, Tanz und die Gastfreundschaft der albanischen Com­munity. Gleichzeitig kennt sie deren Erwartungen daran, wie eine Albanerin zu sein hat und die Erfahrung, davon abzuweichen.

Besonders prägend war für Duff der soziale und Bildungsaufstieg. Sie wuchs in einem Umfeld mit vielen Kindern aus migrantischen Familien auf. Erst als sie sich in ihrer Ausbildung zunehmend in Kreisen bewegte, in denen weniger Menschen mit Migrationsgeschichte vertreten waren, sei ihr bewusst geworden, wie wenig vertraut ihr manche Codes der Mehrheitsgesellschaft waren. Gleichzeitig wurde innerhalb der eigenen Community hinterfragt, weshalb sie sich verändere. Dieses Dazwischen habe lange die Frage aufgeworfen, wo sie eigentlich hingehöre. Heute definiert Duff Heimat entsprechend offen: «Je mehr ich sein kann, wie ich bin, desto mehr fühle ich mich zuhause.»

Auch von den Medien wünscht sie sich mehr Selbstverständlichkeit. Posi­tive Geschichten über Secondos seien wichtig. Wirkliche Normalität wäre für sie aber, wenn Herkunft irgendwann gar nicht mehr der Anlass für Sichtbarkeit sein müsste: wenn etwa eine Albanerin als medizinische Expertin auftritt und schlicht über ihr Fachgebiet spricht. Menschen mit Migrationsgeschichte sollten nicht nur vorkommen, wenn Migration das Thema ist, sondern mit ihren Fähigkeiten, Berufen und Persönlichkeiten sichtbar sein.

Julia Peters: Drei Heimaten, eine Biografie

Wenn Julia Peters erzählt, woher sie kommt, reicht eine Ortsangabe selten aus. Sie wurde in Odessa geboren, besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft und lebt heute in der Schweiz. «In meinem Leben hat es sich so ergeben, dass ich drei Heimaten habe», sagt die 42-Jährige. Ukraine, Österreich und Schweiz stehen für unterschiedliche Lebensabschnitte. Heimat ist für sie dort, wo sich der Mittelpunkt ihres Lebens befindet und sie zur Ruhe kommen kann.

Wie schnell solche Biografien vereinfacht werden, erlebt Peters regelmässig. Sagt sie, dass sie aus Odessa stammt, wird häufig angenommen, sie sei wegen des Krieges in die Schweiz gekommen. Manchmal werde sogar ihr gutes Deutsch nach vermeintlich vier Jahren gelobt. Tatsächlich lebt sie seit rund zwanzig Jahren in Mitteleuropa. «Für viele beginnt die Geschichte der Ukrainerinnen und Ukrainer erst mit dem Krieg», sagt sie. Peters ist Präsidentin des Vereins Good Friends for Ukraine und beobachtet auch dort, wie stark öffentliche Aufmerksamkeit von Aktualität abhängt. Zu Beginn des Krieges seien Medien sehr interessiert an den Projekten des Vereins gewesen; heute sei es deutlich schwieriger, Aufmerksamkeit zu bekommen.

Bei SRF selbst fühlt sich Peters durchaus repräsentiert. Sie war bereits in ganz unterschiedlichen Produktionen zu sehen – von Kulinarik über Wohnen bis Kultur. Gerade darin liegt ein interessanter Gegenpunkt: Peters kommt dort nicht nur als Ukrainerin vor, sondern mit verschiedenen Facetten ihres Lebens.

Farid El Benna: Heimat ist kein Entweder-oder

Farid El Benna ist in der Schweiz geboren und hat mehrere Jahre in Tunesien gelebt. Heute beschreibt er sich als transkulturell geprägt. Beide Länder gehören zu seiner Geschichte, doch im Alltag spielt seine Herkunft für ihn keine grosse Rolle. «Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass andere ihr mehr Bedeutung geben als ich selbst», sagt er. Ihm sei wichtig, zuerst als Mensch und Fachperson wahrgenommen zu werden.

Seit rund zwölf Jahren arbeitet Farid El Benna als Integrationsfachmann und Jobcoach. Bei der Genossenschaft Regiomech begleitet er Menschen aus der Regel- und Asylsozialhilfe auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt. Dabei erlebt er täglich, wie Menschen arbeiten, Verantwortung übernehmen und sich einen Platz in der Gesellschaft aufbauen. Gerade diese Geschichten seien medial oft wenig sichtbar. Stattdessen stünden Menschen mit Migrationsgeschichte weiterhin häufig dann im Fokus, wenn es um Integration, Konflikte oder Probleme gehe.

Auch bei SRF beobachtet Farid El Benna zwar eine grössere Vielfalt als noch vor einigen Jahren. Er wünscht sich aber, dass Menschen mit Migrationsgeschichte noch selbstverständlicher als Fachpersonen, Unternehmer oder Politikerinnen vorkommen. Und zwar ohne dass ihre Herkunft jeweils zum eigentlichen Thema wird. Heimat ist für ihn deshalb kein Entweder-oder. Die Schweiz ist sein Geburts-, Lebens- und Arbeitsort, Tunesien Teil seiner Familie und Geschichte. Zugehörigkeit entsteht für Farid El Benna dort, wo Menschen sich einbringen können und «mit ihrer ganzen Persönlichkeit akzeptiert» werden.

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