SRG im Umbruch: Jean-Michel Cina über Umbau, Druck und Zukunft

Die SRG muss sparen, sich neu organisieren und gleichzeitig ihre Legitimation in einer zunehmend polarisierten Medienwelt behaupten. Im Interview spricht SRG-Präsident Jean-Michel Cina über den tiefgreifenden Umbau des Unternehmens, den politischen Druck auf Mitarbeitende, die Rolle der Trägerschaft und darüber, weshalb ein Vollprogramm essenziell ist.

Jean-Michel Cina, die SRG hat zuletzt ein deutliches politisches Votum erhalten. Ist das für Sie vor allem eine Bestätigung oder eine Verpflichtung zu grundlegenden Veränderungen?

Beides. Die Abstimmung war ein klares Vertrauensvotum für eine unabhängige, mehrsprachige SRG, die digital und regional verankert ist und ein umfassendes Programm anbietet. Gleichzeitig müssen wir gemäss Sparauftrag des Bundesrats bis 2029 die Kosten um 270 Millionen Franken reduzieren. Wir stehen unter enormem Zeitdruck. Das zwingt uns als SRG zu einem tiefgreifenden Umbau, der bereits vor der Abstimmung begonnen hat. Diese beiden Erwartungen gleichzeitig zu erfüllen, stellt eine grosse Herausforderung dar.

Welche Rolle soll die SRG in zehn Jahren für die Schweizer Öffentlichkeit spielen?

Die SRG erhält ihren Auftrag über die Verfassung, das Gesetz und die Konzession von der Politik. Anfang Juni haben die Gespräche zur neuen Konzession ab 2029 begonnen. Vieles ist somit noch offen. Klar ist jedoch, dass die SRG relevant bleiben muss, um ihren Rückhalt zu bewahren. Entscheidend dafür ist ihre Glaubwürdigkeit, also eine qualitativ hochwertige, sachgerechte, vielfältige und unabhängige Berichterstattung. Gerade in Zeiten von Manipulation und Deepfakes gewinnt dies an Bedeutung.

Woran wird sich diese Relevanz künftig messen?

Die SRG sichert ihren Rückhalt nur mit einem Vollprogramm, das Information, Unterhaltung, Sport, Kultur und Bildung umfasst. Dazu gehören auch Angebote, die sich privat kaum finanzieren lassen, wie Schweizer Produktionen, barrierefreie Inhalte oder Formate, die Menschen und Regionen miteinander verbinden. Ebenso zentral sind Beiträge, die politische Prozesse verständlich machen und zur gesellschaftlichen Debatte beitragen. Diese Aufgabe erfüllt die SRG gemeinsam mit privaten Medien.

«Ohne starke Präsenz im digitalen Raum kann die SRG ihren Service-public-Auftrag langfristig nicht erfüllen»

Es braucht dabei immer die richtige Balance zwischen Reichweite und gesellschaftlicher Wirkung. Nicht alles lässt sich in Klickzahlen messen. Gleichzeitig muss die SRG nah bei der Bevölkerung bleiben und sich den digitalen Nutzungsgewohnheiten anpassen. Ohne starke Präsenz im digitalen Raum kann sie ihren Service-public-Auftrag langfristig nicht erfüllen.

Sie sind seit 2017 Präsident der SRG. Inwiefern hat sich die SRG in dieser Zeit verändert?

Das Umfeld der SRG hat sich in den letzten neun Jahren technologisch, gesellschaftlich, politisch und finanziell stark gewandelt. Deshalb musste sich die SRG sehr rasch anpassen. Sie ist trotz zunehmend knapper Mittel deutlich digitaler geworden. Gleichzeitig ist die SRG auch örtlich enger zusammengerückt. Radio, Fernsehen und Online arbeiten heute viel intensiver zusammen, Inhalte werden verstärkt gemeinsam geplant und produziert. Projekte wie Play Suisse oder zukünftig Play+ stehen exemplarisch für diese Entwicklung.

Die SRG muss sparen, will aber gleichzeitig Qualität erhalten. Ist das überhaupt möglich?

Wir wollen so viel wie möglich in den Strukturen und Prozessen einsparen, um das Programm zu schützen. Gleichzeitig wird es trotzdem Anpassungen im Angebot geben müssen. Wenn weniger Personen zum Einsatz kommen, wird es weniger Inhalte geben. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig eine Verschlechterung. Quantität und Qualität von Inhalten sind nicht identisch.

Welche Entscheidungen sind in diesem Transformationsprozess am schwierigsten?

Die schwierigsten Entscheidungen betreffen derzeit sowohl die Organisation als auch das Angebot der SRG. Seit dem 1. April 2026 ist die SRG organisatorisch neu strukturiert, erste Mitarbeitende wurden bereits neu zugeordnet. Der Wandel ist also deutlich spürbar. In den kommenden Monaten sind weitere Personalentscheidungen in allen Regionen geplant. Gleichzeitig gilt es, grundlegende Fragen zu klären: Welche Art von Medienunternehmen will die SRG künftig sein, und welches Angebot soll sie der Bevölkerung noch bereitstellen können?

«Der Druck auf das Unternehmen und die Mitarbeitenden ist enorm»

Die SRG muss sich immer wieder öffentlich rechtfertigen. Wie wirkt sich dieser dauernde Legitimationsdruck auf das Unternehmen und seine Mitarbeitenden aus?

Der Druck auf das Unternehmen und die Mitarbeitenden ist enorm. Besonders schwierig war die Situation während der Abstimmung, da die Mitarbeitenden unmittelbar betroffen waren, sich jedoch kaum öffentlich verteidigen konnten. Die Unterstützung aus der Bevölkerung, von Organisationen und insbesondere der Trägerschaft war deshalb besonders wertvoll. Gleichzeitig herrscht weiterhin grosse Unsicherheit, weil viele Mitarbeitende nicht wissen, wie ihre Zukunft innerhalb der SRG aussieht. Der notwendige Umbau verändert nicht nur Strukturen, sondern auch die Unternehmenskultur. Dies ist ein anspruchsvoller Prozess, den der Verwaltungsrat eng begleitet.

Gab es in den letzten Jahren Momente, in denen Sie befürchtet haben, dass es kritisch wird für die SRG?

Die zeitgleiche Bewältigung mehrerer Herausforderungen war äusserst anspruchsvoll: die veränderte Mediennutzung, der Sparauftrag des Bundesrats, die Halbierungsinitiative sowie die andauernde politische Auseinandersetzung. Dies gehört zu den schwierigsten Situationen, die ich in meinem Leben erlebt habe. Gleichzeitig war für mich stets klar: Die Zukunftsfähigkeit der SRG zu sichern, ist ein zentraler Auftrag. Daraus schöpfe ich jeden Tag die Energie für diese Aufgabe.

Das Vertrauen in Medien ist fragiler geworden. Wo sehen Sie konkret Defizite bei der SRG, wenn es um Vertrauensbildung und -erhalt geht?

Im Vorfeld der Abstimmung habe ich mit vielen Menschen aus allen Landesteilen gesprochen. Die Arbeit der SRG sowie ihrer Journalistinnen und Journalisten wird grundsätzlich sehr geschätzt. Gleichzeitig begegnen uns immer wieder Vorwürfe der «Linkslastigkeit» oder der Staatsnähe. Die SRG produziert jährlich Tausende Beiträge in Radio, Fernsehen und Online. Der Auftrag besteht nicht darin, dass jeder einzelne Beitrag für sich vollständig ausgewogen ist, sondern dass das Gesamtangebot unterschiedliche Perspektiven abbildet. Kritik bezieht sich meist auf einzelne Beiträge. Dafür stehen Redaktionen, Ombudsstellen und Beschwerdeinstanzen zur Verfügung. Verbessern kann sich die SRG jedoch darin, transparenter zu erklären, weshalb bestimmte Themen gewählt und wie sie journalistisch bearbeitet werden. Genau dieser Austausch mit der Bevölkerung wird künftig noch wichtiger. Dabei spielt auch die Trägerschaft eine wichtige Brückenfunktion.

Die Trägerschaft soll die SRG in der Bevölkerung verankern und den Dialog fördern. Dennoch bleibt ihre Wirkung für viele kaum sichtbar. Woran liegt das?

Die Trägerschaft tritt vor allem in Abstimmungskämpfen wie bei «No Billag» oder der Halbierungsinitiative deutlich hervor. Dort zeigte sich sehr deutlich, wie stark sich viele Menschen für die SRG engagieren. Im Alltag agiert die Trägerschaft hingegen meist im Hintergrund, etwa im Austausch mit dem Publikum oder bei öffentlichen Veranstaltungen in den Regionen. Zudem ist die Struktur komplex: Die vier Regionalgesellschaften sind unterschiedlich organisiert und rechtlich unabhängig. Dies erschwert gemeinsame Projekte. Deshalb haben wir in den letzten Jahren die Zusammenarbeit verstärkt und gemeinsame Ziele definiert. Der eingeschlagene Weg benötigt jedoch Zeit.

«Die Trägerschaft schafft Nähe zur Bevölkerung»

Braucht es die Trägerschaft tatsächlich noch?

Absolut. Die Trägerschaft schafft Nähe zur Bevölkerung und bringt eine andere Perspektive ein als das Unternehmen selbst. Allerdings muss sie beweglicher und vernetzter werden. Sie darf sich nicht nur an bestehenden Strukturen und Sitzungen orientieren, sondern muss verstärkt dorthin gehen, wo gesellschaftlicher Dialog stattfindet. Deshalb ist der Ausbau von Netzwerken besonders wichtig. Sowohl innerhalb der SRG als auch mit Personen und Organisationen, die sich generell für den Service public und den gesellschaftlichen Zusammenhalt engagieren. Genau darin sehe ich die Zukunft der Trägerschaft.

Text: Nicole Krättli

Bild: SRG SSR/Mirjam Kluka

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