«Wir wollten verstehen, warum die Manosphere für junge Männer attraktiv ist»
Für die Podcastserie «Alpha Boys» sind Teams von SRF Data, SRF Investigativ und «News Plus Hintergründe» tief in die Welt der Manosphere eingetaucht. Im Gespräch erklären Julian Schmidli, Sonja Mühlemann, Oliver Kerrison und Raphaël Günther, was sie überrascht hat, weshalb die Recherche so anspruchsvoll war und warum sich Podcasts besonders gut für solche Phänomene eignen.
Viele junge Männer geraten über Interessen wie Fitness, Disziplin oder Selbstoptimierung mit Inhalten der Manosphere in Kontakt. Was hat Sie an diesem Weg besonders überrascht?
Julian Schmidli: Wir wollten verstehen, welche Rolle solche Interessen auf dem Weg in die Manosphere spielen. Können Themen wie Fitness oder Selbstoptimierung eine Brücke bilden? Überraschend war für uns vor allem, wie schnell dieser Übergang stattfinden und welche Ausmasse er annehmen kann.
Begriffe und Personen
Begriffe und Personen
Manosphere
Sammelbegriff für lose verbundene Online-Communities, in denen sich überwiegend Männer über Themen wie Männlichkeit, Dating, Erfolg oder Selbstoptimierung austauschen. Teile dieser Szene verbreiten jedoch auch antifeministische, frauenfeindliche oder stark polarisierende Weltbilder.
Incels (Kurzform für «involuntary celibates» / «unfreiwillig Enthaltsame»)
Online-Subkultur von meist jungen Männern, die sich als unfreiwillig ohne romantische oder sexuelle Beziehungen erleben. In extremen Ausprägungen verbinden sich diese Erfahrungen mit Frauenhass, Selbstabwertung und Gewaltfantasien.
Andrew Tate
Ehemaliger Kickboxer und Online-Influencer aus Grossbritannien/USA, der vor allem über soziale Medien bekannt wurde. Er verbreitet Inhalte zu Männlichkeit, Erfolg und Reichtum, steht jedoch wegen frauenfeindlicher und polarisierender Aussagen sowie rechtlicher Vorwürfe international in der Kritik.
Können Sie das genauer erklären?
Julian Schmidli: Der Weg zum Frauenhass beginnt vielfach mit Selbsthass. Jungen Männern wird vermittelt, dass sie nicht gut genug sind, so wie sie sind. Daraus entsteht der Wunsch nach mehr Disziplin und Selbstoptimierung, um ein «richtiger Mann» zu werden. Erst daraus entwickelt sich oft auch die Abwertung anderer Menschen.
Oliver Kerrison: Internationale Studien haben diesen Mechanismus bereits beschrieben. Neu war für uns, ihn für die Schweiz sichtbar zu machen. Uns ging es nicht nur darum zu zeigen, wie schnell Jugendliche auf solche Inhalte stossen, sondern auch, wie diese Feeds tatsächlich aussehen. Zwischen lustigen oder motivierenden Videos finden sich oft unmittelbar danach verstörende oder menschenfeindliche Inhalte. Genau diese Ambivalenz wollten wir sichtbar machen.
Sie haben dazu über 100'000 TikTok-Videos analysiert. Wie recherchiert man eine Welt, die ihren ganz eigenen Regeln folgt?
Julian Schmidli: Der Schlüssel dazu sind Codes. Erst wenn man die vielen Begriffe, Symbole und Formulierungen dieser Communities versteht, findet man überhaupt die relevanten Inhalte. Dafür haben wir uns intensiv mit verschiedenen Expertinnen und Experten unterhalten, Studien ausgewertet und eine umfangreiche Liste von Begriffen aus unterschiedlichen Bereichen der Manosphere erstellt.
Reinhören: Die Podcast-Serie «Alpha-Boys»
Reinhören: Die Podcast-Serie «Alpha-Boys»
Teil 1: Willkommen in der Manosphere: https://www.srf.ch/audio/news-plus-hintergruende/alpha-boys-1-4-willkommen-in-der-manosphere?id=AUDI20251119_NR_0005
Teil 2: Schweizer Bros in Andrew Tates Welt: https://www.srf.ch/audio/news-plus-hintergruende/alpha-boys-2-4-schweizer-bros-in-andrew-tates-welt?id=AUDI20251126_NR_0005
Teil 3: Radikalisierungsmaschine TikTok: https://www.srf.ch/audio/news-plus-hintergruende/alpha-boys-3-4-radikalisierungsmaschine-tiktok?id=AUDI20251203_NR_0006
Teil 4: Das erste Incel-Attentat der Schweiz: https://www.srf.ch/audio/news-plus-hintergruende/alpha-boys-4-4-das-erste-incel-attentat-der-schweiz?id=AUDI20251210_NR_0005
Und wie entscheidet man bei einer solchen Datenmenge, was tatsächlich relevant ist?
Julian Schmidli: Genau darüber haben wir viel diskutiert. Oft war die Frage: Was macht ein bestimmtes Video problematisch? Gerade weil vieles nicht schwarz-weiss ist, mussten wir zuerst selbst verstehen, worin der problematische Teil eines Inhalts liegt. Diese Unterscheidung mussten wir anschliessend auch unserem Analysemodell beibringen. Dabei haben wir uns an bestehender Forschung orientiert und unsere Klassifizierungen immer wieder mit Expertinnen abgestimmt. Das war einer der anspruchsvollsten Teile der Recherche.
Raphaël Günther: Oft sass man vor einem Video und dachte: Das ist einfach ein etwas seltsamer Clip. Erst durch die intensive Auseinandersetzung mit den Codes wurde klar, welche Botschaften dahinterstecken und warum ein Inhalt problematisch sein kann. Gerade das hat mich überrascht: Auf den ersten Blick wirken viele dieser Videos harmlos. Deshalb ist es auch für Eltern oder Lehrpersonen oft schwierig zu erkennen, wann aus Unterhaltung oder Selbstoptimierung problematische Inhalte werden.
Sie haben mit jungen Männern gesprochen, die Figuren wie Andrew Tate bewundern. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?
Oliver Kerrison: Überraschend war, wie nachvollziehbar einige der Bedürfnisse hinter solchen Vorbildern sind. Der Wunsch nach Orientierung, Disziplin oder einem erfolgreichen Leben ist nichts Aussergewöhnliches. Uns war deshalb wichtig, nicht nur die problematischen Seiten zu zeigen, sondern auch zu verstehen, warum diese Inhalte für viele junge Männer überhaupt attraktiv sind.
Gab es dennoch Aussagen, die Sie irritiert haben?
Oliver Kerrison: Ja. Ein junger Mann sagte uns beispielsweise, er sei stolz darauf, egoistisch zu sein, weil ihn das leistungsfähiger mache. Solche Aussagen zeigen, wie stark Leistung und Erfolg für manche zum Massstab werden können.
Sonja Mühlemann: Mich hat vor allem die grosse Einsamkeit beschäftigt, die wir bei unserer Recherche zum Incel-Attentat in der Schweiz beobachtet haben. Hinter dem Täter stand ein junger Mensch, der sich ausgeschlossen fühlte, nach Zugehörigkeit suchte und diese leider in einer extremistischen Community fand, in der Hass und Verachtung zentrale Rollen spielen. Er radikalisierte daraufhin und schritt zur Tat.
Andrew Tate kommt aus Grossbritannien, viele Trends entstehen in den USA. Was passiert, wenn diese globalen Inhalte auf Schweizer Jugendliche treffen?
Oliver Kerrison: Die Forschung dazu ist in der Schweiz noch sehr dünn. Was wir aber gesehen haben: Die Manosphere ist kein fremder Planet. Viele ihrer Schönheits-, Erfolgs- und Leistungsideale unterscheiden sich gar nicht so stark von jenen, die wir auch sonst in der Gesellschaft antreffen. Oft werden bestehende gesellschaftliche Ideale jedoch zugespitzt und mit antifeministischen, teils menschenfeindlichen Weltbildern verknüpft.
Wo zeigen sich diese globalen Phänomene im Schweizer Alltag besonders deutlich?
Oliver Kerrison: Die starke Vermischung von internationalen Vorbildern mit sehr lokalen Inhalten. Junge Männer konsumieren Inhalte von internationalen Figuren, folgen gleichzeitig aber auch Schweizer Creators, deren Umgebung ihrer eigenen ähnelt. Das macht solche Inhalte besonders nahbar. In Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern fiel uns zudem auf, wie stark die Sorge verbreitet ist, künftig nicht mehr dieselben Chancen zu haben wie die Elterngeneration.
Was nehmen Sie persönlich aus dieser Recherche mit?
Sonja Mühlemann: Mir ist bewusst geworden, wie schnell digitale Radikalisierung reale Folgen haben kann. Das passiert nicht irgendwo weit weg, sondern mitten in der Schweiz. Was im Internet beginnt, kann ganz schwerwiegende Auswirkungen auf das Leben von Menschen haben. Es geht uns alle an.
Raphaël Günther: Mich beschäftigt der schmale Grat zwischen Identitätssuche und Radikalisierung. Viele Jugendliche suchen Orientierung und Antworten auf ihre Unsicherheiten. Wenn dann bestimmte Inhalte genau diese Unsicherheiten bedienen, kann daraus Schritt für Schritt eine ideologische Haltung entstehen.
Julian Schmidli: Für mich war eindrücklich, wie eigenständig diese digitalen Welten funktionieren. Es gibt ganze Communities, die stark von Empfehlungsalgorithmen geprägt sind und in die die Gesellschaft kaum Einblick hat. Gleichzeitig haben diese Welten für viele Jugendliche eine enorme Bedeutung. Das betrifft nicht nur junge Männer, sondern auch viele andere problematische Online-Subkulturen.
Warum eignete sich ein Podcast für dieses Thema besonders gut?
Oliver Kerrison: Wir wollten nicht nur Symptome beschreiben, sondern auch Ursachen verstehen. Dafür mussten wir tief eintauchen und junge Menschen ausführlich zu Wort kommen lassen. Das gelingt mit Audio besonders gut, weil viele Gesprächspartner offener sind als vor einer Kamera.
Raphaël Günther: Ein Podcast erlaubt ausserdem eine enorme Tiefe. Über mehrere Episoden hinweg kann man Menschen wirklich kennenlernen und komplexe Zusammenhänge erklären. Man begibt sich gemeinsam mit dem Publikum auf eine Reise und versucht, ein Phänomen zu verstehen.
Sonja Mühlemann: Hinzu kommt, dass drei sehr unterschiedliche Teams zusammenarbeiten konnten. Der Podcast gab uns die Möglichkeit, diese unterschiedlichen Recherchen in einer gemeinsamen Geschichte zusammenzuführen und einen grossen Bogen über das Thema zu schlagen.
Podcasts erreichen oft auch Menschen, die klassische Nachrichtenangebote kaum nutzen. Warum?
Oliver Kerrison: Podcasts zwingen uns dazu, Geschichten zu erzählen. Man begegnet Menschen, deren Sichtweisen man vielleicht nicht teilt, versteht aber ihre Lebensrealität besser. Dadurch werden komplexe Themen zugänglicher, ohne ihre Komplexität zu verlieren.
Raphaël Günther: Zudem entsteht eine grosse Nähe. Die Menschen hören Podcasts oft über Kopfhörer und verbringen viel Zeit mit einer Geschichte. Man macht sich gemeinsam mit dem Publikum auf die Reise und versucht, ein Phänomen zu verstehen. Das schafft eine andere Form der Bindung als viele klassische Formate.
Wie haben junge Männer auf die Serie reagiert?
Raphaël Günther: Wir haben viele Rückmeldungen erhalten. Manche Hörer schickten uns mehrere Minuten lange Sprachnachrichten mit ihren Gedanken zur Serie. Man hat gemerkt, dass das Thema viele beschäftigt. Gleichzeitig haben sich auch zahlreiche Eltern und Lehrpersonen bei uns gemeldet. Ausgehend von diesen Rückmeldungen sind zusätzliche Materialien entstanden – etwa Tipps für Eltern und Unterrichtsunterlagen für Schulen.
Oliver Kerrison: Was wir oft gespürt haben, ist der Wunsch nach einfachen Antworten. Viele junge Männer – aber auch Lehrpersonen und Eltern – wollten konkrete Rezepte und klare Lösungen. Unsere Aufgabe als Journalistinnen und Journalisten war aber eine andere: zu verstehen und sichtbar zu machen, was passiert. Wie man mit diesen Entwicklungen umgehen soll, ist eine viel grössere Frage, auf die es keine pauschale Antwort gibt. Aber die wir umso mehr konstruktiv diskutieren wollten: In einer Q&A-Folge sprechen wir vertieft darüber, was gegen Radikalisierung hilft.
«Alpha Boys»: Entstanden über SRF-Redaktionen hinweg
Die Podcastserie ist das Resultat einer redaktionsübergreifenden Zusammenarbeit. Kooperiert haben dafür SRF Data (Julian Schmidli, Keto Schumacher, Pascal Albisser), SRF Investigativ (Sonja Mühlemann, Stefanie Hasler, Philippe Odermatt) und «News Plus Hintergründe» (Raphaël Günther, Oliver Kerrison, Céline Raval). Die Serie wurde an den Suisse Podcast Awards 2026 als beste Serie ausgezeichnet.