Studie zur SRG: Die Schweiz will einen breiten Service public und erwartet die SRG auf allen Kanälen

Welche Aufgaben soll die SRG künftig erfüllen? Eine repräsentative Befragung des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) zeigt breiten Rückhalt für einen vielfältigen Service public in der Schweiz. Studienautor Linards Udris erklärt, welche Erwartungen die Bevölkerung an die SRG hat, warum junge Menschen andere Kanäle nutzen und weshalb nicht allein Mehrheiten über das Programm entscheiden sollten.

Fast 58 Prozent der Befragten halten öffentliche Medien für gesellschaftlich wichtig oder sehr wichtig. Welche Aufgaben schreiben sie der SRG zu?

Linards Udris: Bei den grundlegenden gesellschaftlichen Aufgaben ist die Zustimmung hoch. Rund zwei Drittel halten es für wichtig, dass die SRG zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beiträgt, die Sprachregionen verbindet, die Vielfalt der Schweiz abbildet und mächtige Akteure in Politik und Wirtschaft kritisch beobachtet. Ebenso viele erwarten, dass sie mit unterschiedlichen Angeboten möglichst alle Menschen in der Schweiz anspricht. Nur neun Prozent bewerten diesen Anspruch als unwichtig.

Muss die SRG dafür weiterhin alle fünf Programmbereiche abdecken, und ist die Bevölkerung mit deren Umfang zufrieden?

Information hat mit Abstand den höchsten Stellenwert: Über 75 Prozent der Befragten halten diesen Bereich auch künftig für wichtig. Auch Sport und Bildung erreichen Mehrheiten; bei Kultur und Unterhaltung überwiegt die Zustimmung deutlich gegenüber Ablehnung. In allen fünf Bereichen bildet jeweils die Gruppe den grössten Anteil, die den aktuellen Umfang für genau richtig hält. Am stärksten polarisiert die Unterhaltung: Rund ein Viertel findet, dass die SRG zu viel davon bietet, ein weiteres Viertel, dass es zu wenig ist. Die Bevölkerung erwartet also ein breites Angebot und setzt dabei klare Prioritäten.

Der Bundesrat möchte die SRG stärker auf Information, Bildung und Kultur fokussieren. Entspricht das dem Wunsch der Bevölkerung?

Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Die abstrakten Programmbereiche geniessen breite Zustimmung, doch bei einzelnen Angeboten variieren die Einschätzungen deutlich. Formate aus dem Bereich Alltagskultur werden häufig als geeigneter Teil des Service public beurteilt. Angebote zu Schweizer Literatur und klassischer Musik finden dagegen deutlich weniger Zustimmung. Die Art von Kultur oder Unterhaltung sowie die angesprochene Zielgruppe spielen daher eine grosse Rolle.

Was bedeutet das für Angebote, die nur ein kleines Publikum erreichen?

Ihre Bedeutung lässt sich nicht allein anhand der Zustimmung in der Gesamtbevölkerung bemessen. Philosophieangebote etwa werden in grösseren Städten stärker geschätzt, Kindersendungen vor allem von Haushalten mit Kindern. Solche Formate sprechen gezielt bestimmte Gruppen und Interessen an. Ein Service public muss daher reichweitenstarke und zielgruppenspezifische Angebote miteinander verbinden.

Wo unterscheiden sich die Erwartungen jüngerer und älterer Menschen am deutlichsten?

Vor allem bei den Verbreitungswegen. Fernsehen bleibt auch für Jüngere wichtig, und eigene Websites sowie Apps finden über alle Altersgruppen hinweg Rückhalt. Von den 18- bis 24-Jährigen wünschen sich aber fast 70 Prozent eine Präsenz in sozialen Medien; bei den 55- bis 79-Jährigen sind es nicht einmal 25 Prozent. Auch YouTube oder Spotify werden von Jüngeren wesentlich häufiger als wichtig eingestuft.

«Unsere Ergebnisse sprechen nicht dafür, Texte pauschal zurückzudrängen.»

Sollte sich die SRG online deshalb vor allem auf Video- und Audioformate konzentrieren?

Unsere Ergebnisse sprechen nicht dafür, Texte pauschal zurückzudrängen. Von den 18- bis 24-Jährigen halten jeweils 53 Prozent kurze und längere Texte auf den Websites und Apps der SRG für wichtig. In der Gesamtbevölkerung gibt es weder eine klare Zustimmung noch eine klare Ablehnung einzelner Onlineformate. Texte werden auf den eigenen Kanälen nicht kritischer beurteilt als Audioangebote und Podcasts.

Welche Rolle spielt das Vertrauen in die SRG?

Eine sehr grosse. Hohes Vertrauen und eine häufige Nutzung der SRG-Angebote stehen in engem Zusammenhang damit, dass jemand öffentliche Medien für gesellschaftlich wichtig hält und sich auch künftig ein breites Programm wünscht. Auch die politische Einstellung hängt mit der Beurteilung zusammen: Links positionierte Befragte schreiben öffentlichen Medien öfter eine hohe Bedeutung zu als Personen aus der politischen Mitte oder dem rechten Spektrum.

Der SRG wird besonders von rechts oft mangelnde Ausgewogenheit vorgeworfen. Spiegelt sich das in der Befragung wider?

Wir erkennen kein gravierendes Defizit, das von der Bevölkerung insgesamt wahrgenommen wird. 44,6 Prozent finden, die SRG lasse unterschiedliche politische Meinungen ausgewogen zu Wort kommen; 20 Prozent widersprechen dem. Auch bei der Themenauswahl überwiegen die positiven Einschätzungen klar. Personen mit rechtsgerichteter Position urteilen kritischer, doch selbst bei ihnen ist die Zustimmung höher als die Ablehnung.

Was sollte aus diesen Ergebnissen in die neuen Konzessionsverhandlungen einfliessen?

In der Gesamtbetrachtung akzeptiert die Bevölkerung einen breiten Service public und möchte diesen auch in Zukunft erhalten. Sie erwartet die SRG auf eigenen klassischen und digitalen Kanälen; jüngere Gruppen wünschen zusätzlich eine Präsenz auf Drittplattformen. Die Vorstellung, das digitale Angebot weitgehend auf eine Mediathek mit Audio und Video zu reduzieren, entspricht diesen Ergebnissen weniger. Wo aufgrund des kleineren Budgets gespart werden muss, liegt die konkrete Priorisierung jedoch in der Programmautonomie der SRG.

Wo liegen die Grenzen einer solchen Befragung?

Sie darf nicht zu einem Mehrheitsentscheid über jedes einzelne Angebot werden. Würde man nur behalten, was 60 oder 70 Prozent gut finden, würden Schweizer Literatur, klassische Musik oder Randsportarten schnell wegfallen. Der gesetzliche Auftrag verlangt aber auch Angebote für spezifische Gruppen und Interessen. Publikumspräferenzen sind deshalb eine wichtige Grundlage, aber nicht das einzige Kriterium.

«Die Befragung darf nicht einem Mehrheitsentscheid über jedes einzelne Angebot werden.»

Was hat Sie darüber hinaus besonders überrascht?

Wie wenig viele Menschen über die SRG wissen. Nur ein Drittel erkannte beispielsweise, dass die Behauptung falsch ist, die SRG gebe mehr für Sport als für Information aus. Lediglich ein Viertel wusste, dass der Bundesrat nicht die Mehrheit des SRG-Verwaltungsrats bestimmt. Der Zusammenhang zwischen Wissen und der gewünschten Angebotsbreite ist schwächer als jener bei Nutzung und Vertrauen. Dennoch befürworten besser Informierte eher ein breites Angebot.

Zur fög-Studie «Medialer Service public in der digitalen Transformation: Bedeutung und Leistungen der SRG SSR aus Sicht der Schweizer Bevölkerung (Jahrbuch Qualität der Medien Studie 2/2026)».

Welche Angebote soll die SRG SSR künftig bereitstellen und auf welchen Kanälen? Diese Fragen sind auch nach der Abstimmung über die «Halbierungsinitiative» präsent. Denn die SRG SSR wird 2029 eine neue Konzession und deshalb möglicherweise neue Vorgaben zu ihrem Angebot erhalten. Um die medienpolitische Diskussion empirisch zu stützen, hat das fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich (UZH) im Juni 2026 1493 Personen aus der Deutschschweiz, der Suisse romande und der Svizzera italiana online befragt. Die Erhebung ist für die internetnutzende Wohnbevölkerung der Schweiz im Alter von 18 bis 79 Jahren repräsentativ.

Zur Studie

Text: Nicole Krättli

Bild: John Flury/SRG

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